Über meinen Vater

Mein Vater war immer mein Held. Ich bin ein Einzelkind und war immer Papas Liebling. Nicht falsch verstehen, eine Mutter gab es auch, eine liebevolle, eine, die immer da war, die mir auch Vorbild war. Trotzdem war ich Papas Prinzessin, denn er war nur am Wochenende zu Hause. Mama hatte ich immer, Papa nur am Wochenende! Es war also immer etwas Besonderes, wenn er Freitags nach Hause kam. Und er hatte immer Eis im Gepäck, denn er arbeitet als Siemens Monteur bei Langnese in Heppenheim. Jeden Freitag Nachmittag wartete ich bis er endlich nach Hause kam.
Die Sehnsucht war freilich als ich älter wurde nicht mehr so heftig wie als kleines Kind, trotzdem war der Freitag immer ein besonderer Tag, „Der Tag an dem Papa kommt“.

Ein Jahr bevor ich Abitur machte, wollte mein Vater sich beruflich verändern. Er blieb bei Siemens, ließ sich aber ins Ausland versetzen. Seine erste Baustelle war 1977 Bagdad, nach meinem Abitur 1978 ging meine Mutter mit ihm in den Irak. Ich besuchte sie jedes Jahr. Dort blieb er bis 1985, dann war Jordanien dran. Es folgten Süd-Afrika, Kongo, Algerien, Taiwan und China.

Mein Held blieb er, in fast jedem Land erlebte er Kriege oder Bürgerkriege, oft genug „rettete“ er seine Mannschaft, oft genug dauerte es Tage bis ich von ihm hörte. Aus dem Irak musste sogar ich, da ich gerade zu Besuch dort war, beim Ausbruch des ersten Golfkrieges im September 1980, flüchten. Mein Vater organisierte alles, damit ich einigermaßen sicher ausreisen konnte.
Im Kongo war er mehrere Tage nicht auffindbar, da er mit seinen Leuten in Jeeps über Land ins Nachbarland flüchtete und dort von europäischen Militärs ausgeflogen wurde.

Er war immer interessiert an fremden Kulturen, anderen Lebensweisen und Gewohnheiten. Hat im Ausland soweit es ging nicht in den deutschen Siedlungen gewohnt, das war ihm zu langweilig. Er hat viel gelesen, viel gelernt; er konnte z. B. kein Englisch als er nach Bagdad ging und einen Sprachkurs gab es vorher nicht. Er wurde ins kalte Wasser geworfen und er kam mit den neuen Herausforderungen jedesmal gut zurecht.

Früher dachte ich, Menschen, die so leben, die so viel erleben und so neugierig sind, können nicht dement werden. Schließlich trainieren sie ja ihr Hirn jeden Tag.
Mein Vater hat mich eines anderen belehrt.
Im Herbst 2008 ist meine Mutter, ohne krank zu sein, innerhalb weniger Stunden gestorben. Das hat ihm den Boden unter den Füßen weggezogen. Im ersten Jahr war noch viel zu regeln, wir wohnten in Deutschland zusammen in einem Zwei-Familienhaus (Gott sei Dank, sonst wäre das nicht so lange hier zu Hause möglich gewesen.) Er räumte die Sachen meiner Mutter um, verkaufte ihre Nähmaschine und andere Dinge, trennte sich nach Monaten von ihrer Kleidung – alles braucht seine Zeit. Schließlich waren es zwei Haushalte, meine Eltern hatten noch ein Haus in Spanien, in beiden galt es zu räumen.

Im Frühjahr 2010 wurde er „tüttelig“ und zog sich immer mehr zurück. Rückblickend sehe ich, dass sich die ersten Zeichen einer Demenz zeigten. Die Krankheit verlief in unterschiedlichen Stadien über drei Jahre bis sich im Frühjahr 2013 vieles sehr zuspitzte.
Es begann damit, dass er den Keller unter Wasser setzte und im Sommer war sein Tag-Nacht-Rhythmus so verschoben, dass er nachts um 0:30 Uhr frühstückte und sich wunderte, dass nachts um 3 Uhr der Bäcker nicht auf hatte.

In diesem Sommer war schnell klar, es geht nicht mehr zu Hause und ich fand im August ein passendes Heim, in dem er seither lebt.

In diesem Blog werde ich über meine Erlebnisse und Gedanken berichten. Ich werde das nicht chronologisch sortiert tun, das ist mir ehrlich zu mühselig. Ich versuche aber die Geschichten so zu beschreiben, dass immer ungefähr klar ist, in welchem Zeitraum sie „spielt“.

Ich hoffe, Ihr könnt mir trotzdem „folgen“, also meinen Gedanken und Geschichten. Manche werden nicht schön sein, aber auch das will ich euch zumuten, denn Demenz ist nicht schön, auch wenn es die schönen Momente gibt. Ich möchte aus ganz persönlicher Sicht dazu beitragen, dass diese Krankheit in das Blickfeld der Gesellschaft kommt. Diese Krankheit kann jeden treffen, wir sollten uns damit auseinandersetzen.

 

3 Gedanken zu „Über meinen Vater

  1. Ich habe diese Geschichte zweimal gelesen, und ich gestehe, ich habe verstohlen ein Tränchen weggedrückt. Weiß man nie, wie weit das von einem weg ist, oder ob es vorbei geht. Ich mag Deinen Blog. Heute kam ich auf die Idee ihn bei mir zu verlinken und ihn zu abonnieren. Ich werde das dann gleich mal tun.
    LG Wolfgang

  2. Liebe Malu,
    Deine Idee, über Deine Erlebnisse zu schreiben, ist wunderbar und hilft sicherlich sehr vielen betroffenen Menschen.
    Zu meine Erfahrung bei der Arbeit mit Angehörigen demenziell erkrankter Menschen gehört tatsächlich die plötzliche Ohnmacht, wenn wahrgenommen wird, dass der vertraute Angehörige in seine eigene Welt abtaucht. Deshalb sind Bürstenwürmer wichtig. Sie entführen uns ein kleines bisschen in diese andere Welt und laden uns ein, auf Entdeckungsreise zu gehen….

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