Mein Vater, der Läufer (2)

Es klingelte, ich ging zur Tür und war total geschockt. Vor der Tür standen mein Vater und ein junger Mann. Ich machte auf und bekam nur „Papa…?“ raus. Der junge Mann sagte: „Ihr Vater stand an der B3 und verteilte Geld, mitten im Regen. Ich dachte, da stimmt doch was nicht, hielt an und Ihr Vater meinte, er wolle nach Hause. Er hat mich hierher gelotst.“ Vor lauter Schreck bekam ich nur ein „Danke“ raus und starrte beide an. Mein Vater war pitschepatsche nass, es regnete seit Stunden in Strömen. Er hatte nur Hausschuhe an, Gott sei Dank eine lange Hose und ein Hemd, und stand zitternd in der Tür. „Ich fahr dann mal wieder. Ihnen alles Gute.“ „Ja, danke“, stammelte ich in Richtung des jungen Mannes. Ich war immer noch nicht ganz bei mir, meine Gedanken schlugen Purzelbäume.

Am Tag zuvor, im Sommer 2013, hatte ich Papa in die Geronto-Psychiatrie gebracht. Es sollte versucht werden, mit Medikamenten den Tag-Nacht-Rhythmus wiederherzustellen. Mir wurde versichert, es würde aufgepasst, dass niemand ohne Aufsicht die Station verlässt. Es sah auch alles gut aus. Die Station war zwar nicht abgesperrt, aber vor der Tür zum Flur stand ein großer Benjamini um den man herumlaufen musste, um die Tür zu öffnen. Zusätzlich war die Tür mit Fototapete, Motiv Südsee, beklebt. Da ist von innen die Tür nicht gleich als solche zu erkennen.

Ich rief im Krankenhaus an. Niemand vermisste ihn bisher. „Na bringen Sie ihn wieder her.“ Das war einfacher gesagt als getan. Papa hatte sich inzwischen mit seiner nassen Kleidung ins Bett gelegt und schnarchte. Mein Versuch, ihn zum Aufstehen zu bewegen endete mit mäßigem Erfolg. Zumindest ließ er sich die nassen Sachen ausziehen. Aber dann stand er auf und ich konnte ihn trockenrubbeln und frische Kleidung hinlegen, die er auch anzog. Inzwischen war ich etwas gefasster und sortierte meine Gedanken.

Er musste doch die Tür gefunden haben und entwischt sein. Kopfschüttelnd musste ich eingestehen, dass es wohl niemand merkt, wenn ein alter Mann, seltsam bekleidet bei Regen das Krankenhaus verlässt. In dieser Klinik ist die „Pforte“ auch nicht direkt am Eingang. Da kann man tatsächlich die Treppe runter und einfach rausgehen, ohne dass das am Empfang gesehen wird.
Also, er ist raus aus dem Gebäude und auf die Bundestraße gelaufen. Dort lief er am Straßenrand entlang und hielt den vorüberfahrenden Autos Geldscheine hin. Nicht auszudenken, was alles hätte passieren können. Ich verdrängte das Kopfkino, was nach und nach in mein Bewusstsein drang. Wie viele Autofahrer müssen an ihm vorbeigefahren sein? Vielleicht dachten einige sogar: „Was macht dieser Mann da?“ Leider kam außer dem jungen Mann niemand auf die Idee anzuhalten, oder wenigstens die Polizei anzurufen.

Ich konnte meinen Vater wieder ins Auto packen und brachte ihn in die Klinik zurück. „Muss ich wieder in dieses Hotel?“ „Ja, Papa.“ Mit zwiespältigen Gefühlen fuhr ich nach Hause. Hatte ich doch gehoffte, nachts nun ruhig schlafen zu können, da er gut behütet wurde.

Schade finde ich bis heute, dass ich den jungen Mann nicht nach seinem Namen gefragt hatte. Ich war einfach zu durcheinander in der Situation. Gerne hätte ich mich bei dem Unbekannten noch einmal etwas gefasster aufrichtig bedankt. Sein Handeln ist nicht selbstverständlich.

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