Schlagwort-Archive: Alltag

So einfach kommt man nicht ins Krankenhaus

„Warum rufen Sie mich denn ständig an, Sie sind doch nicht meine Patientin!“ Ich musste 10x tief durchatmen bei dieser Antwort des Hausarztes meines Vaters, schließlich war ich seine Betreuerin und mein Vater schon sehr dement, er konnte und wollte nicht selbst mit dem Arzt Kontakt aufnehmen. Kapierte der Arzt das nicht? Damals im Frühjahr / Sommer 2013 überschlug sich alles für mich. „Weil ich Sie brauche, damit mein Vater ins Krankhaus kommt zur genaueren Untersuchung.“ „Sie können aber doch niemanden zwingen, ins Krankenhaus zu gehen. Nur bei massiver Selbstgefährdung.“ So einfach kommt man nicht ins Krankenhaus weiterlesen

I did it may way

Dieses Lied von Frank Sinatra hat mich in meinem Leben begleitet. Ich habe oft genug Wege eingeschlagen, von denen mir Verwandte, Freunde und ab und zu auch meine Eltern abrieten. Manchmal bin ich dabei auf die Nase gefallen, aber meist war es genau der richtige Weg.

Vielleicht habe ich das von meinem Vater, der mir immer wieder verschmitzt diese Geschichte erzählte: „Als ich als 18-Jähriger, nicht wie von meinem Vater geplant und organisiert mich bei der Bahn beworben hatte, sondern bei Siemens, hat er tagelang nicht mit mir gesprochen. Ich glaube, am liebsten hätte er mir noch den Hintern versohlt.“ I did it may way weiterlesen

Einfach unvergesslich

„Claire, wie sollen wir das denn bloß den Kindern sagen?“ Claire ist seit kurzem wieder glücklich verheiratet und genießt das Leben mit Ihren beiden Töchtern. Als die Diagnose Alzheimer gestellt wird bricht ihre Welt zusammen. Die noch junge Frau hatte sich ihre Zukunft anders vorgestellt. Einfach unvergesslich ist der erste Roman, den ich zum Thema Demenz gelesen habe. Faszinierend ist, wie es die Autorin schafft, erzählerisch das komplexe Beziehungsgeflecht in der Familie, das sich nun radikal wandelt, locker und zugleich spannend aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu schildern. Der Ehemann, die Mutter und die Tochter von Claire schauen auf das Leben und die beängstigenden Veränderungen. Claire beschließt, einige Dinge in der Familie noch zu regeln, bevor sie sich gar nicht mehr orientieren und einmischen kann. Einfach unvergesslich weiterlesen

Welt Alzheimertag – wir müssen reden!

Es ist schade, dass mich der Welt Alzheimertag erst interessierte als mein Vater an Demenz erkrankte. Dabei wird er seit 1994 am 21. September begangen. „Erst wenn man selbst betroffen ist, interessiert einem ein solch schwieriges Thema“, sagte mir mal die Tochter eines Bewohners im Heim. Ja, sie hatte recht. „Schwierige“ Themen lassen wir nicht an uns heran, bis sie uns einholen. Rückblickend bin ich froh, dass ich mit dem Thema schon seit etwa 2005 konfrontiert wurde. Ich arbeitete damals einige Jahre in Bad Nauheim in der Parkinson Klinik als PR Referentin. Welt Alzheimertag – wir müssen reden! weiterlesen

Der 81. Geburtstag

Heute wäre mein Vater 81 Jahre alt geworden. Im letzten Jahr haben wir den 80. Geburtstag im Heim mit Kaffee, Kuchen, netten Gästen und hilfreichen Damen, die mit geschmückt und den Tisch gedeckt haben, gefeiert. Letztes Jahr im Mai hoffte ich, dass wir den 80. noch feiern könnten. Er war damals im Krankenhaus und es sah gar nicht gut aus. Aber, er hatte sich wieder aufgerafft und wollte weiterleben. Bis zu seinem Geburtstag war er wieder fast „der Alte“, so weit das mit dieser Krankheit sagen kann. Es war ein schöner Tag, wir haben viel Kuchen gegessen und die Gäste freuten sich, dass „Werner heute alles bezahlt“. Der 81. Geburtstag weiterlesen

Der Film-Pult oder so

„Du musst … da kommt … also die Post.“ „Papa, soll ich auf die Post, was holen?“ „Hmmm …. Nein … Da kommt ein Pult.“ „Ach du meinst, die liefern was?“ „Ja.“ Ich sah, er rang nach Worten, aber es fiel ihm partout nicht ein, was er sagen wollte. „Filme, da …. Conrad ….“ Ohje, Post, Pult, Filme, Conrad da sollte ich dann was draus machen. Die Worte verloren sich ganz schnell. Als mein Vater 2013 im August ins Heim kam, hatte er schon heftige Wortfindungsstörungen. Immer mehr Worte eines Satzes wurden durch „dings“ ersetzt. Der Film-Pult oder so weiterlesen

Eine Art Gymnastik

Bürstenwurm„Huch Papa!“ Erstaunt schaute ich meinen Vater an, als ich zum Besuch sein Zimmer betrat. Erwartete ich doch, dass er- wie meist – im Bett lag, zur Wand blickte und ich ihn erst mehrmals ansprechen musste, bis er sich mir zuwenden würde. Heute war ich sprachlos. Er saß auf dem Bett, schaute mich erwartungsvoll an und balancierte eine PET-Flasche auf seinem Arm. Ich grinste, setzte mich zu ihm, gab ihm einen Kuss auf die Wange. Er wehrte mich aber ab. Schließlich störte ich seine Versuche, die PET-Fasche auf seinem Kopf zu balancieren. Eine Art Gymnastik weiterlesen

Keine Frage des Alters!

handDa sitzen wir gemütlich im Gemeinschaftszimmer, trinken Kaffee und essen Kuchen. Es ist Kaffeezeit und ich sitze mit meinem Vater am Tisch. Herr Schimmelschön-Käserübe-Langenscheid hat seinen eigenen Auftritt. Er steht in der Tür und lässt seinen Blick kreisen, zückt ein Rillo und schaut die Mitarbeiterin, die den Kuchen verteilt, erwartungsvoll an. Sie reagiert nicht. Er steckt den Rillo in den Mund und zückt das Feuerzeug. „Herr Schimmelschön-Käserübe-Langenscheid, Sie wissen doch, dass Sie hier nicht rauchen dürfen“, sagt sie. Mein Vater dreht sich rum, sagt aber nichts. Keine Frage des Alters! weiterlesen

Zwei Jahre Bürstenwurm

GeburtstagskuchenHeute vor genau zwei Jahren startete ich mit diesem Blog. Schon bevor mein Vater ins Heim kam, hegte ich die Idee, ein Buch über den Alltag mit einem Demenz-Patienten zu schreiben. Ich machte mir Notizen, versuchte eine Struktur zu finden und stellte fest, es waren immer nur kleine Episoden und 1000 lose Enden, die ich im Kopf hatte. Das Konzept blieb löchrig und ich legte das Projekt auf Eis. Auch weil mir klar wurde, dass ich für ein Buch dranbleiben musste. Das Dranbleiben jedoch konnte ich mir als pflegende Angehörige nicht vorstellen. Viel zu oft musste ich sowieso meine Arbeiten und Vorhaben unterbrechen und mich um meinen Vater kümmern. Zwei Jahre Bürstenwurm weiterlesen

Das bin ich

ZimmerschildFreudig kam mir mein Vater entgegen gelaufen, als er mich im Treppenhaus sah. Es war im August 2013 kurz nachdem er ins Heim gekommen ist. „Schau mal“, rief er, „das bin ich!“ Neugierig lief ich hinterher, gespannt darauf, welches Bild er mir nun zeigen würde. Ich dachte an diejenigen, die ich in seinem Zimmer als Collage zusammengestellt hatte, da war auch ein sehr schönes von ihm dabei. Doch vor seiner Zimmertür machte er Halt und deutete auf ein Schild neben der Tür. Das bin ich weiterlesen