Der Schoko-Nikolaus

schoko weihnachtsmann„Oh, du hast aber einen tollen Schokoladen-Nikolaus bekommen!“ Ich versuchte meinen Vater aus der Reserve zu locken. Wieder lag er im Bett und wieder starrte er die Wand an und wieder sagte er nichts. Auch nach der deutlichen Ansprache keine Antwort. Ich plumpste erst mal in den Sessel, atmete tief durch und überlegte, was ich tun könne, um eine Reaktion zu bekommen.

Ich fragte nach dem Mittagessen, nach dem Wetter, nach dem was am Vormittag in der Gruppenstunde gelaufen ist – keine Reaktion außer Brummen. „War denn heute der Nikolaus da?“ Ich spürte, dass dieser Satz ankam. Langsam und vorsichtig drehte er ich im Bett um, setzte sich halb auf und starrte auf den Tisch. Dort lag mein Mantel etwas zerknüllt und meine Handtasche obendrauf. Er starrte auf den Tisch und versuchte zu verstehen, was dort lag. Ich sagte: „Das ist mein Mantel und meine Tasche.“ Er starrte weiter, sagte nach gefühlten 5 Minuten: „Ach, das ist ja dein Mantel und deine Tasche“, sprach’s, drehte sich um und schien gleich wieder zu schlafen.

Puh, wenigstens etwas! Ich gab nicht auf, stand auf, nahm den Schoko-Nikolaus vom Nachttisch in die Hand: „Schau mal der Weihnachtsmann hat dir einen Schoko-Nikolaus mitgebracht.“ Brummen und ein „Jaja – soso!“ Okay, Malu, noch einen Anlauf, dachte ich mir, kann ja nicht schaden.
Beim 3. Mal setzte er sich aufs Bett, nahm mir den Nikolaus aus der Hand, pellte vorsichtig das Papier ab und biss sofort den Kopf ab. Er kaute genüsslich auf der Schokolade und wollte sich wieder hinlegen. Da bemerkte er, dass ganz kleine Schokoladenstückchen auf dem Betttuch lagen. Seine Reaktion nahm ich in Zeitlupe wahr, er leckte kurz den Zeigefinger ab und pickte alle Schokostückchen auf und leckte sie vom Finger ab. Danach legte er sich zufrieden ins Bett, den restlichen Nikolaus drapierte er neben sich und schlief lächelnd wieder ein.

Seine Reaktion trieben mir fast die Tränen in die Augen. Vor meinem Auge sah ich meine Mutter, die ihn ermahnte: „Werner, keine Schokolade im Bett!“ Ich bin überzeugt, dass es ihm auch präsent war. Noch mehrmals setzte er sich auf, biss in den Nikolaus und jedes Mal pickte er die Schokokrümel auf. Bis er nach einigen Minuten, mich liebevoll ansah, sich wieder mit dem Nikolaus im Arm hinlegte und sagte: „Hannelore, jetzt kannst du gehen!“

Er sprach mit meiner Mutter! Ich küsste ihn auf die Wange und verabschiedete mich. Leise und glücklich verließ ich den Raum.

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