Neun Monate

Gibt es so etwas wie „mit dem Tod schwanger gehen“? Ja. Die Mutter von Roswitha Quadflieg machte sich neun Monaten auf den Weg bis zu ihrem Tod. Sehr persönlich beschreibt die Autorin, wie ihre 92-jährige Mutter, die schon in einer Seniorenresidenz lebte, plötzlich „verrückt“ wurde. Eben war sie noch ganz klar im Kopf und dann verkriecht sie sich in den Keller, weil überall Spitzel in ihrer Wohnung sind.

Über Nacht bekam sie den Auftrag, innerhalb der nächsten dreißig Tage genügend Worte zu sammeln. Wenn nicht, ginge die Welt unter. Auf die Frage ihrer Tochter, welche Worte, antwortete sie: „Alle Wörter und Geräusche!“

Das Wortesammeln zieht sich über die neun Monate hin. Auch wenn diese Passagen sich manchmal beklemmend lesen, wurde ich neidisch, da die Autorin die ganze Zeit mit ihrer Mutter reden konnte. Gut – sie redete manchmal aus unserer Sicht „seltsames Zeug“, aber allein, dass sie sich bis zum Schluss mit Worten verständigen konnten, sie die anstehende Beerdigung planen konnten, empfinde ich als ein Geschenk. Mein Vater redet seit knapp zwei Jahren nicht mehr aus eigenem Antrieb. Nur wenn sich eine Situation sehr zuspitzt oder er sehr ärgerlich wird, redet er, laut, deutlich und sehr bestimmt. Der Verlust der Sprachfähigkeit schränkt die Kommunikation enorm ein. Als Angehörige kommt man schnell an seine Grenzen mit nonverbaler Kommunikation. Man muss das Leben des Dementen gut kennen, um die Gestik und Mimik deuten zu können. Oft genug liegt man knapp daneben, das macht den Umgang miteinander zeitweise äußerst schwierig und anstrengen, eröffnet aber oft genug neue Welten.

„Kontrolle“, schreibt die Autorin, „Meine Mutter hebelt sie immer mehr aus. … Zuzuschauen und zu Staunen über Dinge und Zustände, ‚die es nicht gibt‘.“ Diese andere Sicht auf die Dinge des Alltags, eröffnet den Angehörigen neue Perspektiven. Wenn man sich darauf einlässt, nimmt man den Alltag, die vermeintliche Wahrheit um einen herum anders wahr. Eingeschliffene Gewohnheiten werden aufgegeben ohne, dass dies bewusst entschieden wird. Neues wird entdeckt und in den Alltag integriert. Mein Vater entwickelte ein Faible für den Garten, täglich sprach er mit seinen Rosen, die er vorher als „buntes Gemüse“ bezeichnete. Er schnitt sie zurecht, goss sie und freute sich an deren Gedeihen.
Die Kontrolle wird abgegeben oder neu definiert auch in der Beziehung zu anderen Menschen, die Grenzen des Anstands verschwinden. Beziehungsweise, die Kontrolle weicht einer neuen Ehrlichkeit. Mein Vater sagte deutlich, wen er sehen wollte und wer schon immer mit Vorsicht zu genießen war und deswegen jetzt nicht mehr ins Haus durfte. Beziehungen werden unmittelbar und ungefiltert gelebt und erlebt.

Die Autorin fragt: „Hat sie die Reißleine gezogen, weil es für sie nicht in Frage kommt, zuzugeben, dass sie nicht mehr kann?“ Das ist sicher ein Blickpunkt. Warum Menschen dement werden, können selbst Mediziner und andere Fachmenschen nicht genau erklären. Fakt ist, dass es immer mehr werden. Könnte es wirklich so eine Art Flucht aus der Realität wie wir sie kennen sein? Wer weiß das schon? Wenn ich gefragt werde, sage ich manchmal: „Mein Vater ist nach dem plötzlichen und zu frühen Tod meiner Mutter nicht ‚hinterhergestorben‘, sondern stirbt langsam innerlich indem sein Gedächtnis Kapitel für Kapitel löscht.“

(Roswitha Quadflieg, Neun Monate, über das Sterben meiner Mutter, Aufbau Verlag, Berlin 2014, ISBN 978-3-351-03414-6)


Der Artikel erschien zuerst im Seniorenjurnal der Wetterauer Zeitung, am 10. Dezmeber 2016

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