Es frühlingt

„Ich hätt‘ gern ne Cola.“ „Ja Papa, du kannst auch Cola zum Frühstück haben.“ Wie gerne denke ich an die Gespräche zurück, die wir in einem kleinen Café am Rande des Bad Nauheimer Kurparks hatten. Das erste Jahr im Heim, als mein Vater noch recht fit war, sind wir einmal im Monat freitags morgens in dieses Café und haben gemeinsam gefrühstückt.

Jetzt, wo der Schnee weg ist und die Vögel sich morgens im Garten einen Konzert-Slam geben, muss ich oft an diese gemeinsamen Frühstücke denken. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. In meinem Kopf läuft ein Film dazu ab. Die Hauptrolle spielt natürlich mein Vater.
Ich hab‘ ihn jedes Mal gegen 10 Uhr im Heim abgeholt und wir sind langsam Richtung Sprudelhof gelaufen. Das war nicht weit, dauerte aber etwas länger, weil es unterwegs so viel zu sehen gab. „Guck mal, da ist ein Chinese!“ Gemeint war das Chinalokal an der Ecke. „Ich war gerne bei den Chinesen, aber manchmal waren die komisch. Die haben Ihre Züge gewaschen.“ „Ja, Papa, du warst ja auch lange genug dort und hast die Waschstraße für die Züge in Betrieb genommen.“ Da strahlte er mich an, der Herr Siemens Bauleiter, an so etwas erinnerte er sich, wenn er an einem China-Restaurant vorbeiging. Das hat mich immer fasziniert.

Wir saßen im Café gerne draußen. Bei schönem Wetter waren auch viele junge Mütter mit ihren Kindern da, die fröhlich um uns herum spielten.
Jedes Mal wählten wir das große Frühstück, das hat für uns zwei gereicht, obwohl es für eine Person gedacht war. „Ich hätt‘ gern ne Cola.“ „Ja Papa, du kannst auch Cola zum Frühstück haben.“ Das war ein Ritual, beharrlich bestand er auf seiner Cola. Kaffee hatte er ja schon im Heim zum Frühstück bekommen. Vor uns wurden wunderbare Dinge aufgebaut, Wurst, Käse, 2 Brötchen, 2 Croissants, eine Scheibe Brot, selbstgemachte Marmelade, ein wenig Obst und zwei Eier, weil wir ja zu zweit waren. Papa bekam seinen extra Teller und ich versuchte anfangs ihm immer etwas zu reichen, was er gerne mag. Manchmal gelang es.
Oft genug nahm er sich mit den Händen etwas und schob es komplett in den Mund. Meist verschluckte er sich dabei. „Du sollst nicht so schlingen, das ist nicht gut, sagt meine Mama immer.“ Ein kleiner Junge stand neben ihm und tippte auf seinen Arm. Papa schaute ihn unverwandt an und bot ihm die Reste, die er in der Hand hatte, an. „Nein, iss mal selber, du bist so dünn, du musst dicker werden.“ Papa lächelte und schob sich den Rest in den Mund. Kinder sind so wunderbar ehrlich. Papa ist wirklich dünn geworden, die Hosen schlackerten und das Poloshirt war zu groß. Das fiel mir damals erst auf.

Von diesem Frühstückstisch hat er alles aufgegessen, was süß war. Die Marmelade am liebsten, die durfte ich aufs Brötchen schmieren, den Honig löffelte er hinterher und danach die Croissants, die waren ja auch ein bisschen süß. Und die zwei Gläser süße Cola nicht vergessen.
Als er noch nicht dement war, hat er nichts Süßes angerührt, keine Kuchen, kein Eis, keinen Nachtisch. Seit die Krankheit heftiger wurde, schaute er nur noch nach Süßem. Die Mitarbeiterinnen im Heim beruhigten mich, dass das normal sei. Der Geschmack ändere sich und fast alle essen lieber süß.
Und Süßes hat ja auch mehr Kalorien, dachte ich. Dann setzt er wieder zu. Darin habe ich mich geirrt. Papa war immer stramm auf Achse im Heim. Soviel Kalorien wie er da verbrannte, konnte er gar nicht aufnehmen. Aber das ist ein anderes Thema.

Jetzt schaue ich aus meinem Fenster und sehe die Frühlingsboten und sitze in Gedanken wieder mit Papa am Frühstückstisch.

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