Memory

Oma lacht mit EnkelkindernMein Vater saß im Gemeinschaftszimmer mit der Ergotherapeutin und spielte Memory. Es war im September letzten Jahres. Es erstaunte mich damals immer noch, dass „Kinderspiele“ wunderbar mit Dementen gespielt werden konnten. Auf jeden Fall saß er konzentriert mit der Therapeutin über den Tisch gebeugt und drehte langsam und bedächtig die Bildkärtchen um. Er versuchte die Tiere zu benennen, fand aber für manche nicht mehr den richtigen Begriff. Mich erschreckte, dass er den Igel und die Kuh nicht mehr benennen konnte, sehr wohl aber das Kamel. Später ging mir auf, dass er ja bei seinen Auslandsaufenthalten im Irak und Jordanien immer wieder Kamele sah, damals wahrscheinlich öfters als Igel und Kühe.

Als er mich sah, wollte er gerne mit mir weiter spielen und wir machten uns beide über die Kärtchen her. Meinem Vater hat es sichtlich Spaß gemacht, mit mir zusammen zu spielen und ich fand es schön, mich ganz auf ihn einlassen zu können. Sonst war das kaum möglich, da er immer sehr unruhig war und keine zwei Minuten auf seinem Platz sitzen konnte. Er sprang immer wieder auf und ging im Zimmer umher, oder in andere Zimmer, nur um sich umzublicken und wieder woanders hinzulaufen. Aber jetzt saß er so konzentriert über dem Memory, dass er sogar die anderen, die mithelfen wollten, wütend anfuhr, es sei seine Aufgabe, die passenden Karten zu finden.

Als wir fertig waren, blickte er die Ergotherapeutin stolz an und sagte: „Fertig und gut!“ Diese nahm die Karten und drehte sie wieder um. Da wurde er ganz wütend, schließlich hatte er sie passend gestapelt. Sie meinte: „Herr Schäfer, wollen wir nicht noch einmal spielen?“ Er sah sie völlig überrascht an mit großem Unverständnis und rang nach Worten. „Aber, alle Paare! — Alles da! — Ich habs doch geprüft!“

Ich musste lauthals lachen, da war er, der Siemens Inbetriebnahme-Techniker und Bauleiter, der alles prüft und wenn alles da ist und richtig funktioniert, muss man das nicht noch einmal tun. Schließlich hat er es ja geprüft! Ich nahm ihn in den Arm und lachte immer noch. In seinen Augen blitzte es und wir verstanden uns ohne Worte: „Sie hat keine Ahnung!“

2 Gedanken zu „Memory

  1. schön beschrieben, schön dass es Momente gibt in denen dein Vater ruhig sitzt und schön dass du dich einlassen kannst und sie mit ihm geniessen, auch wenn es – auf den ersten Blick- Kinderspiele sind. Für ihn ist es: eine Ordnung herstellen und damit etwas Gewohntes, Geliebtes, was ihm einen Moment lang Ruhe vermittelt…

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