„Du musst … da kommt … also die Post.“ „Papa, soll ich auf die Post, was holen?“ „Hmmm …. Nein … Da kommt ein Pult.“ „Ach du meinst, die liefern was?“ „Ja.“ Ich sah, er rang nach Worten, aber es fiel ihm partout nicht ein, was er sagen wollte. „Filme, da …. Conrad ….“ Ohje, Post, Pult, Filme, Conrad da sollte ich dann was draus machen. Die Worte verloren sich ganz schnell. Als mein Vater 2013 im August ins Heim kam, hatte er schon heftige Wortfindungsstörungen. Immer mehr Worte eines Satzes wurden durch „dings“ ersetzt. Der Film-Pult oder so weiterlesen
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Die spinnen doch!
Mein Vater und ich sitzen gut gelaunt und kaffeetrinkend im Gemeinschaftsraum. Versonnen schaut er sich um. Er ist damals gerade erst zwei Monate im Heim und noch neugierig, was um ihn herum passiert. Da schwirrt eine Dame herein, die ich noch nie gesehen habe. Mein Vater brummelt etwas verächtlich: „Die ist neu hier!“ „Ja und?“ „ Na, die ist komisch. Merkste gleich!“ Gespannt schau ich, was die Dame macht. Sie setzt sich hin, inspiziert ihren Kaffeebecher und stellt ihn wieder hin. „Gleich“, sagt mein Vater. Ich äuge rüber. Die spinnen doch! weiterlesen
Sprachpurzelbäume
Ein Freund und mein Vater sitzen sich gegenüber und reden über mich. Es fällt mir schwer, mich zurückzuhalten bei diesem Besuch. Es war vor ungefähr eineinhalb Jahren. Mein Vater hatte wieder einen geschäftigen Tag und ging zwischen Zimmer und Gemeinschaftsraum im Minutentakt hin und her. Die Mitarbeiterin im Gemeinschaftsraum schickte ihn immer wieder zurück mit der Bemerkung: „Herr Schäfer, Sie haben doch Besuch. Gehen Sie zu Ihrer Tochter.“ Sprachpurzelbäume weiterlesen
Seitenlage
„Ihr Vater sitzt schon seit einer halben Stunde fröhlich im Gemeinschaftsraum“, sagte die Mitarbeiterin als ich das letzte Mal im Heim war. Ich starrte sie ungläubig an, lief ins Zimmer und wirklich, da saß er. Als er mich kommen sah, huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Das bildete ich mir nicht ein. Ich setzte mich neben ihn, er drehte den Kopf zu mir und hauchte einen Kuss auf meine Wange zur Begrüßung. Ich war sprachlos, das gab‘s schon lange nicht mehr. Seitenlage weiterlesen
Rapsfelder
„Schau mal da links ist ein riesiges Rapsfeld!“ Ich zeigte mit der ganzen Hand auf die linke Straßenseite. Mein Vater schaute gar nicht rüber, sondern starrte vor sich hin. Es war im Mai 2014. Ich hatte ihn zu einem Ausflug in seine alte Heimat mitgenommen. Vielleicht hatte ich eine zu romantische Vorstellung, dass er vieles wieder erkennen würde, wenn wir durch die Landschaft des Vogelsberges fuhren. Zumindest wurde die Romantik schon nach 10km gestoppt, als er sagte: „Ich muss mal kacken!“ Rapsfelder weiterlesen
Sprüche klopfen
„Oh, es waren mal wieder neue Leute dabei, dein Vater konnte alle seine alten Geschichten und Sprüche loswerden“, das antwortete meine Mutter oft, wenn sie von einer Einladung heimkamen und ich wissen wollte, wie es denn war. Stimmt. Mein Vater stand gerne im Mittelpunkt und erzählte gerne Geschichte, die von Mal zu Mal anders wurden. Er schmückte gerne aus, um die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer zu bekommen und sie hörten gerne zu. So war mein Großvater schon, „das liegt in der Schäfer-Familie“, klärte meine Großmutter auf. Sprüche klopfen weiterlesen
Memory
Mein Vater saß im Gemeinschaftszimmer mit der Ergotherapeutin und spielte Memory. Es war im September letzten Jahres. Es erstaunte mich damals immer noch, dass „Kinderspiele“ wunderbar mit Dementen gespielt werden konnten. Auf jeden Fall saß er konzentriert mit der Therapeutin über den Tisch gebeugt und drehte langsam und bedächtig die Bildkärtchen um. Memory weiterlesen