Die Entscheidung

Giving helpDie Entscheidung für das Heim fiel mir unendlich schwer. Aber im Sommer 2013 stand ich vor der Wahl: Nach Hause, wenn ja wie, oder ein Heim suchen. Mein Vater kam Anfang Juli 2013 ins Krankenhaus. Bisher hatte er sich ja geweigert zum Arzt zu gehen und Tests zu machen. Aber sein Allgemeinbefinden hatte sich im ersten Halbjahr so rapide verschlechtert, dass ich um ihn Angst bekam. Ein Beispiel ist der völlig umgekehrte Tag-Nacht-Rhythmus und das ständige Umherlaufen, irgendetwas mit dem Hammer „reparieren“, oder Strom zu „prüfen“. Langsam wurde es gefährlich.

Die Geschichte, wie er ins Krankenhaus kam, kommt zu einem späteren Zeitpunkt. Nun hatte ich ihn dorthin gebracht, ein langes Arztgespräch gehabt und nach einer Woche ein zweites. Der Stationsarzt sagte mir unmissverständlich, dass mein Vater keine „leichte Demenz“ hatte, sondern inzwischen am Beginn einer schweren Demenz stand. Uff…. Das musste ich erst mal verdauen. Ich hatte es ja befürchtet, aber man will es ja nicht wahrhaben.

Ein Termin mit dem Sozialdienst wurde vereinbart. Die Mitarbeiterin war sehr direkt, sie redete nicht um den heißen Brei herum. Mir ist das lieber, ich will wissen, woran ich bin. Ich war unschlüssig, ob es noch mal zu Hause mit einem ambulanten Pflegedienst gehen würde, oder einer Pflegekraft im Haus. Die Sozialarbeiterin sagte, eine schwere Demenz sei mit einer Pflegekraft zu Hause, oder einem ambulanten Pflegedienst nicht mehr zu organisieren.
Als ich es gründlich überlegte, musste ich ihr recht geben. Ich würde mindestens fünf Pflegekräfte rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche brauchen. Damals konnte er noch vieles selbst machen, musste aber energisch darauf hingewiesen werden. Zum Beispiel wusch er sich nicht mehr. Wenn ich sagte: „Papa, bitte geh duschen, du müffelst“, meinte er, er habe doch heute früh geduscht! Was sollte ich da antworten?
Viele andere Beispiele fielen mir ein: aufpassen, dass er nicht wegläuft, er war nachts viel unterwegs, bisher noch auf dem Grundstück, oder auf Wegen, die er gut kannte. Der Bäcker (Gott sei Dank ein Verwandter) erzählte mir immer wieder, wie er nachts um 2 Uhr vor der Backstube stand und Brötchen kaufen wollte, oft genug nur halb angezogen.
Nein! Das ging wirklich nicht mehr zu Hause.

Gut, dass ich rechtzeitig und intensiv mit meinen Eltern über solche Situationen geredet hatte. Beide sagten: Wenn es nicht mehr geht, weil es körperlich viel zu anstrengend ist mit der Pflege oder du deinen Beruf aufgeben müsstest, dann gib uns bitte in ein Heim, auch wenn wir nicht wollen.
Das ist leichter gesagt als getan. Trotzdem: Nun war es soweit.

Die Sozialarbeiterin hat mir eine Liste von Heimen gegeben mit Hinweisen, welche für Demente mit Weglauf-Tendenzen (ja ich weiß, man sagt auch Hinlauf-Tendenz) geeignet sein können. Letztlich musste ich mit allen Kontakt aufnehmen, einen persönlichen Termin verabreden, mir das Heim ansehen und hoffen, dass eines dabei ist, das auch einen Platz für meine Vater hatte.

Als die Entscheidung für mich gefallen war, war ich zwar erleichtert darüber, diese nun getroffen zu haben, aber meine Gefühle waren zwiespältig. Kann ich meinen Vater einfach so ins Heim tun? Ist das nicht Abschieben? Aber ich kann das nicht mehr! Ich müsste 24 Stunden am Tag aufbleiben und aufpassen! Aber es ist mein Vater, den steckt man nicht weg! …
Die Sozialarbeiterin sah mir tief in die Augen, sie wusste, was in mir vorging und sagte freundlich: „Ich fürchte, wenn Sie Ihren Vater wieder mit nach Hause nehmen, liegen Sie spätestens Weihnachten auf der Station nebenan. Glauben Sie mir, er sollte jetzt in professionelle Hände!“ Ich wusste, sie hatte recht. Auf der Station nebenan waren Menschen mit Burnout und Nervenzusammenbruch.

Gut! Ich machte mich mit der Liste der Heime, die in der Nähe waren auf den Weg nach Hause und fing an zu telefonieren.

(Dazu passender Artikel Der Rasierapparat, Ein Heim finden.)

4 Gedanken zu „Die Entscheidung

  1. Du musst dir keine Vorwürfe machen, es war die richtige Entscheidung. Zu Hause hättest du deinen Vater nicht betreuen können, nicht mit schwerer Demenz. Du hast ein gutes Heim ausgesucht da geht es Ihm gut

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