Sprachpurzelbäume

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Ein Freund und mein Vater sitzen sich gegenüber und reden über mich. Es fällt mir schwer, mich zurückzuhalten bei diesem Besuch. Es war vor ungefähr eineinhalb Jahren. Mein Vater hatte wieder einen geschäftigen Tag und ging zwischen Zimmer und Gemeinschaftsraum im Minutentakt hin und her. Die Mitarbeiterin im Gemeinschaftsraum schickte ihn immer wieder zurück mit der Bemerkung: „Herr Schäfer, Sie haben doch Besuch. Gehen Sie zu Ihrer Tochter.“ Wieder bei uns, sagte er etwas irritiert dreinblickend: „Die sagen, ich habe Besuch.“ Er wusste nicht, was das bedeutet. Ich lächelte: „Papa, wir sind der Besuch!“ Ungläubig schaute er mich an: „Und wer ist nun meine Tochter?“ Mir wurde langsam mulmig. Der Freund deutet auf mich und sagte: „Das ist Ihre Tochter!“ Mein Vater schaute wieder irritiert in meine Richtung: „Das ist meine Tochter?“
Dann erzählte er von seiner Tochter, dass es ihr gut ging und sie für ihn sorgte. Mir ging das Herz auf. Hach! Warum auch immer, der Freund fragte ihn: „Was ist denn ihre Tochter von Beruf?“ Grübeln und Stirnrunzeln waren deutlich im Gesicht meines Vaters zu erkennen, er hob mehrmals an etwas zu sagen und dann brach es aus ihm heraus: „Brauereibesitzerin!“ Dabei strahlte er wie ein kleines Kind, das etwas ganz Wundervolles entdeckt hatte. Wir prusteten alle Drei vor Lachen los und ließen es mal so stehen, dass ich also Brauereibesitzerin bin. Es gibt Schlimmeres im Leben.

Wer kennt das nicht? Wir wollen was sagen und wundern uns was dann aus unserm Mund herauskommt. Manchmal sind es nur die berühmten Wortvertauscher. Da wird aus dem Satz: Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus, schnell mal: Große Schatten werfen ihre Ereignisse voraus. Wir lachen drüber und gut ist’s.

Nicht so bei Menschen mit Demenz, da ist es der Anfang vieler Sprachpurzelbäume. Mein Vater hat zuerst Worte gesucht und meist nach einiger Zeit die richtigen gefunden. Später kamen Umschreibungen hinzu. Der Rasenmäher war dann das Ding mit dem man das Gras kürzer macht. Das umgepflügte Feld war das Nicht-Rapsfeld und die Kaffeetasse, die kleine Schüssel mit Griff. Bis dahin konnten wir uns noch gut miteinander verständigen
Als das mit den Umschreibungen schwieriger wurde war alles „Dings“. Wenn der halbe Satz voller Dingse steckte, musste ich schon mal raten, improvisieren und aus der Situation heraus interpretieren.

Dann kamen die ganz neuen Worte, die wie selbstverständlich aus ihm heraus sprudelten, wie die Brauereibesitzerin. So entstand auch der Bürstenwurm, so entstanden Glasfaserkommunikationen und Pultsendungen. Manchmal wurden daraus Geschichten, wie das Paket von German Wings, das unbedingt an der Pforte abgeholt werden musste, weil der Hermann die Bratwurstbude transportieren sollte. Wer meinen Vater kennt, merkt, dass alles etwas mit seinem Leben zu tun hat. Nur die Reihenfolge und die Zusammenhänge sind neu komponiert. Es ist spannend. Es ist anstrengend. Es ist traurig. Es ist auch mal zum Lachen.

Inzwischen bin ich froh, wenn er eine so schöne neue Geschichte erzählt. Er redet kaum noch. Oft unverständlich, kaum hörbar. Aber wenn ich mich ihm liebevoll hartnäckig zuwende, dann kommt manchmal so eine neue Geschichte und dann lachen wir wieder gemeinsam.

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