Dinge verschwinden (1): die Brille

Sehtest„Papa, kannst du mich überhaupt sehen?“ Er blinzelte mich verschlafen an. Ich sah, dass er seine Brille nicht auf hatte. Da er sehr weitsichtig war, blieb ich auf Abstand. Er guckte mich sehr erstaunt an. Ich hatte das Gefühl, er versteht mich nicht. Ich ging zu ihm ans Bett, streichelte ihm übers Gesicht und sagte: „Papa, kannst du mich sehen? Du hast keine Brille auf? Wo ist sie denn?“ Er sagte nichts, und schaute mir nur angestrengt ins Gesicht. „Komm wir gucken mal, wo sie ist.“ Nun hatte ich ihn erreicht, er setzte sich auf und beobachtete genau, wie ich die Schubladen und Schranktüren öffnete, um seine Brille zu suchen. Als er sich die Hände vor das Gesicht legte, hatte ich das Gefühl, dass er nun realisierte, dass etwas fehlte. Meine Suchaktion blieb leider ohne Erfolg.

Im Schwesternzimmer fand ich bedauerlicherweise niemanden, den ich kannte. Das Personal heute war mir neu. Freundlich sprach ich die Schwester an: „Mein Vater, Werner Schäfer, hat keine Brille mehr auf und sie ist nicht auffindbar.“ Die Antwort „Oh, ich wusste gar nicht, dass er eine braucht“, hat mich etwas befremdet. „Schon immer und die ist wichtig, ohne bekommt er Kopfschmerzen, kann nicht richtig gucken und fällt hin!“ Ja, meine Antwort war etwas pikiert, ich versuchte die Schärfe aus der Stimme zu nehmen. Sicher würde sich das gleich aufklären.

Nun ja, so einfach war das nicht. Sie wollten mal schauen. Bis zu meinem nächsten Besuch  bekam ich keine Info und da ich Papa wieder ohne Brille antraf, bin ich gleich ins Personalzimmer und fand Gott sei Dank, vertraute Gesichter, die jedoch genauso ratlos waren. Ich war etwas irritiert, die wissen doch, dass er eine Brille braucht… Ich forderte mit dem nötigen Nachdruck auf, intensiv auf die Suche zu gehen.

Nun weiß ich, dass auf einer Demenzstation vieles verloren geht. Da werden schon mal Kleidungsstücke in ein anderes Zimmer gelegt, oder einfach andere Schuhe angezogen. Mein Vater trug vor einigen Wochen eine Hose, die ihm sichtlich zu klein war, aber er wollte es, war stolz auf seine neue Hose. Nun denn. Aber eine Brille war etwas anderes. Trotzdem kann niemand wissen, wo er sie bei seinen nächtlichen Streifzügen im Haus versteckt hat.

Am darauffolgenden Montag, wurde ich tatsächlich angerufen und informiert, dass die Brille nicht auffindbar sei. Mir war klar, wenn ich zum Optiker gehe, der regelmäßig Hausbesuche im Heim macht und alles wundervoll praktisch für die Angehörigen organisiert, und eine neue Brille bestelle, dann wird die alte auftauchen! Das ist Gesetz.
Gesagt – getan. Ich ging persönlich zum Optiker, sie hatten alle Unterlagen und konnten sogar innerhalb von zwei Tagen, das gleiche Gestell besorgen. Mir wurde versprochen, dass die Anpassung direkt im Heim erfolgt. Nachdem ich eine Woche später wieder ins Heim ging, fand ich meinen Vater – ohne Brille. Und im ganzen Zimmer war keine auffindbar. Ich also wieder ins Schwesternzimmer, schon ein wenig aufgebracht. Die Pflegerin hatte keine Ahnung, gab mir eine Brille, die in einem Etui auf dem Schreibtisch lag. Das war eindeutig eine Damenbrille! Das Argument ließ sie nicht gelten, es sei schließlich die einzige die hier liege und die müsse dann meinem Vater gehören.

Boah, dieser Argumentation konnte ich nicht folgen. Es entspann sich ein Wortwechsel, der – ich will es vorsichtig ausdrücken – etwas angespannt war. Aber ich ließ nicht locker. Und siehe da! Nach zehn Minuten tauchte tatsächlich im Schwesternzimmer eine Brille auf, die eindeutig eine Herrenbrille war und die mit „Hr. Schäfer“ gekennzeichnet war. Geht doch!
Wie sie dahin gekommen war? Die Schwester hatte keine Ahnung. Ich war froh, dass die Brille da war, mein Vater sichtlich froh, dass er wieder eine Brille auf der Nase hatte. Zumindest hatte ich das Gefühl, er blinzelte mich freundlicher an.

Ich will mit diesem Beitrag nicht über die Mitarbeiter auf der Station klagen. Die sind alle klasse und haben sehr viel zu tun. Die Pflege von Bewohnern mit Demenz ist extrem herausfordernd. Vielmehr will ich Angehörige ermutigen, wenn etwas fehlt oder etwas nicht klar ist, nachzuhaken und den Dingen auf den Grund gehen. Ich erlebe einige Angehörige, die – warum auch immer – manches zu schnell „hinnehmen“.
Ich bin heute zur Heimleitung und habe den Vorfall in dürren Worten berichtet, sie versprach, die Sache mit den Mitarbeitern zu klären, da eine fehlende Brille auffallen müsse und ins Übergabeprotokoll gehöre. Es kann immer etwas schief gehen, es muss jedoch angesprochen werden.

Nun, bin ich gespannt, wann und wo die alte Brille wieder auftaucht. Das ist doch Naturgesetz!

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