Du hast einen an der Waffel

Bürstenwurm Demenz

„Oh, die müssen Sie probieren, die sind köstlich!“ Der Arzt, der donnerstags auf die Demenzstation kommt, huscht mampfend an mir vorbei. Er hat eine frisch gebackene Waffel in der Hand, aus der Schokocreme trieft. Sein Blick ist verklärt.
Neugierig gehe ich ins Gemeinschaftszimmer, aus dem herrlicher Waffelduft strömt. Eine Mitarbeiterin begrüßt mich geschäftig: „Kommen Sie, Sie bekommen auch eine. Wir stimmen uns auf Weihnachten ein.“ Da mein Vater nirgends zu sehen war, sage ich: „Ich geh erst Papa holen. Wir essen dann zusammen.“

Beschwingt laufe ich in sein Zimmer und finde ihn wie immer in sein Bett gekuschelt. „Auf Papa! Raus mit dir.“ Ich ziehe ihm die Bettdecke von den Beinen und strahle ihn an. Missmutig schaut er, wer da seine Ruhe stört. Ich brauche mehrere Anläufe und fast einen Befehlston, bis er sich aufsetzt, sich die Hose anzieht und langsam in seine Schlappen steigt. Als er aufsteht und Richtung Tür geht, wird er immer schneller.
Im Gemeinschaftsraum wartet schon ein Teller mit zwei Waffeln, Sahne und Kirschkompott auf ihn und für mich steht auch ein Teller bereit. Wir setzen uns nebeneinander. Mein Papa mümmelt zufrieden seine Waffeln. Die Gabel lässt er liegen, er nimmt sie in die Finger wie dies kleine Kinder tun. Sahne und Kirschen laufen durch die Finger und er lutscht sie ab. So schmeckt das doppelt gut.

Ich schaue mich um, kein Stuhl ist mehr frei, alle lassen sich die Waffeln schmecken. Frau Müller neben mir, rührt mit der Gabel ihren Kaffee um, zupft dann Waffelstückchen rein und fischt sie mit dem Löffel wieder fröhlich raus, um sie zu essen. Frau Winter erzählt ihrer Nachbarin, dass sie jedes Wochenende Waffeln backt und sie sich freut, dass es allen so gut schmeckt. Ihr Mann würde heute Abend, wenn er nach der Arbeit heimkommt, auch noch welche kalt essen und am Wochenende kommen die jungen Burschen und ziehen singend ums Haus. Mit diesen wandert sie dann Kanon singend in den Wald. Welch eine Freude.
Frau Rosi kreischt ohrenbetäubend, dass sie keine Waffel mehr hat, beschwert sich lauthals, dass alle etwas bekommen und man sie verhungern lässt, während Herr Schneider ihr völlig verstört seine Waffel über den Tisch mit den Worten zuwirft: „Du hast einen an der Waffel!“
In diesem Moment steht Herr Schimmelschön-Käserübe-Langenscheid kopfschüttelnd in der Tür und macht flink kehrt ohne ein Wort zu sagen.

Der Arzt kommt noch mal rein und bittet um eine Waffel für den Heimweg, er schnappt die frisch gebackene, rollt sie genüsslich zusammen und verabschiedet sich fröhlich winkend. Mein Vater beobachtet das alles ohne irgendeine Reaktion. Aber nun hat er seine Waffel vertilgt, ich bin auch fertig. Wir stehen auf und die Mitarbeiterin gibt meinem Vater auch eine Waffel „für den Weg“, er schnappt sie wortlos und läuft Richtung Zimmer. Dort angekommen, steuert er auf sein Bett zu. Ich sehe nur seine Finger voller Sahne, Kirschkompott und Schokocreme und sage: „Du musst erst mal Hände waschen bevor du ins Bett gehst!“. Papa geht zurück ans Waschbecken, hält kurzerhand die Waffel unter den aufgedrehten Wasserhahn, wäscht sie sorgfältig ab, rollt die Reste zusammen und stopft sie sich in den Mund. Schwer mampfend lässt er sich ins Bett fallen und säubert die Finger an der Bettdecke.

Na gut, denke ich, Hauptsache er ist glücklich!

 

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