Seit wann isst du Leber?

Backfisch mit KartoffelsalatDiese Frage aus dem Film „Honig im Kopf“ beamte mich um ca. drei Jahre zurück. Wir saßen am Mittagstisch, ich hatte für uns Fisch gebacken und für meinen Vater ein Schnitzel, da er zeit seines Lebens keinen Fisch gegessen hatte. Beherzt packte er zu und nahm sich einen Backfisch, wir schauten uns an und ich sagte: „Papa, seit wann isst du Fisch?“ Mein Vater schaute mich ganz erstaunt an und erwiderte: „Der sieht doch lecker aus, also schmeckt er!“ Sprachlos beobachtete ich ihn während des ganzen Essens; er aß den Fisch mit wachsender Begeisterung. Als er fertig war, legte er das Besteck zur Seite und meinte zufrieden: „Das war mal was ganz anderes!“

Ja, das war es, was ganz anderes. Überrascht nahm ich wahr, dass offensichtlich Vorlieben und Abneigungen für Speisen sozialisiert werden. Mein Vater mochte seit ich denken kann, keinen Fisch, kein Geflügel, keinen Kuchen, kein Eis und keinen Pudding. Seine Worte waren immer: „Das ess‘ ich nur, wenn es durch einen Schweinemagen gegangen ist.“ Plötzlich aß er diese Dinge mit wachsendem Appetit. Seither isst er alles und Süßspeisen mag er besonders.

Viele andere Szenen im Film erinnerten mich an das, was ich zu Hause mit meinem Vater erlebt hatte. Zwischen Lachen und Weinen fielen mir viele kleine Erlebnisse ein, die sich so oder so ähnlich bei uns zugetragen haben. Ein Beispiel:
Im Film sitzt Amandus beim Arzt, der ihn fragt: „Wie viel ist 9 + 3?“ Ich wusste genau wie Amandus antworten würde: „Sie wissen nicht was 9 + 3 ist? Und Sie sind Arzt?“
Mein Vater saß beim Arzt und sollte eine Uhr mit Zahlen malen. Er schaute den Arzt überrascht an und sagte: „Sie wollen, dass ich eine Uhr male? Das ist doch Kindergarten! So einen Scheiß mach ich nicht mit!“ Sagte es, strich das Blatt Papier durch, stand auf und ging. Auf dem Heimweg brummelte er mir zu: „Ob der nicht weiß, wie eine Uhr aussieht?“

Mein Fazit zu „Honig im Kopf“: Empfehlenswert!
Sicher, die eine oder andere Szene ist etwas überzogen, aber jede einzelne kann sich so zugetragen haben. Natürlich ist es auch ein Spielfilm, der unterhalten will. Aber der Film zeigt das Wechselbad der Gefühle von Angehörigen, einen anderen Umgang und Zugang finden zu müssen. Man ist plötzlich nicht mehr Kind, sondern muss sich um seinen Vater kümmern. Die Rollen vertauschen sich, das ist nicht einfach. Der Film zeigt wie Kinder ungezwungener mit dem Angehörigen umgehen können, weil sie akzeptieren was ist und leichter in die besondere Logik einsteigen können. Und nicht zuletzt zeigt der Film die Achterbahn der Gefühle der Betroffenen selbst, die anfangs merken, dass etwas nicht stimmt, dass sie Dinge tun, die man nicht macht oder die zumindest ungewöhnlich sind. Sie verzweifeln darüber, dass sie sich und ihr Leben verlieren. Die Zerrissenheit, die schönen Seiten und die schlimmen Ereignisse, werden durch die Schauspieler überzeugend rübergebracht.

Gehen Sie in diesen Film und lachen und weinen Sie!

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