Der 80. Geburtstag

2016-07-16 14.06.43„Nein, das geht nicht“, unwillig schaute mich Therese an. Okay, so durfte ich die Tischdecke also nicht hinlegen. „Wie dann, Therese?“ „Anders“, schimpfte sie und schnappte sich die Tischdecke. Ich seufzte, wie anders sollte das gehen, der Tisch ist quadratisch die Decke auch. Sie legte die Decke auf und verschob sie einfach einmal im Uhrzeigersinn. So also konnte es gehen. Es waren insgesamt acht Tische, auf die ich eine hellblaue Decke legen wollte. Therese immer hinter mir her, um sie dann einmal zu drehen. Gut, sie war damit an dieser Aktion beteiligt und freute sich, mir zu helfen.

Dann kam Ida zu uns, schaute auf die Tischdecken und schüttelte wirsch den Kopf: „Das geht nicht! Hellblau geht nicht.“ Ich sagte, dass wir keine anderen hätten. Schnell kamen vier andere Heimbewohnerinnen in den Raum, um zu sehen, was hier passiert. Große Diskussionen, zum Teil nur gestikulierend, führten zu einer Abstimmung über die Farbe der Tischdecken. Die Damen kamen zu dem Ergebnis, hellblau sei in Ordnung und die violette Mitteldecke auch. Dass ich noch eine Vase mit Rosen aus unserem Garten drauf stellte, quittierten sie mit Beifall. Bis auf Vroni, die die Mitteldecke und die Blumen auf dem Tisch offenbar gar nicht mochte und versuchte, alles wieder abzuräumen. Aber die Damen hatten sie im Griff.

Die erste Hürde hatte ich also geschafft. Fritz, der einzige Mann im Raum, saß in seinem Rollstuhl an der Wand und beobachtet interessiert das Treiben. Als wir fertig waren, rollte er fröhlich an den Tisch und klagte Kaffee und Kuchen ein. Wir baten ihm um etwas Geduld, schließlich musste das Geburtstagskind noch geholt werden.

Noch vor knapp zwei Monaten wusste ich nicht, ob wir diesen Tag feiern würden. Nun war es soweit. Ich ging in Papas Zimmer und begrüßte ihn freundlich mit einem Geburtstagsständchen. Er lag im Bett und schlief fest. Oh je, das kann ja eine heitere Geburtstagsgesellschaft werden, dachte ich. Ein Pfleger kam ins Zimmer und half mir, ihn aufzurichten und die Hausschuhe anzuziehen. Untergehakt ging es in den Gemeinschaftsraum. Was für ein Fortschritt, noch vor zwei Wochen dachten wir, er würde gänzlich auf den Rollstuhl angewiesen sein.
Im Gemeinschaftszimmer angekommen, schaute er sich um. Es war ihm keine Reaktion anzusehen, als er den gedeckten Tisch sah. Nachdem er Platz genommen hatte, einen ersten Schluck Kaffee getrunken und einen Bisschen von seinem Lieblingskuchen gegessen hatte, nahm er vorsichtig die Tischdecke in die Hand und fühlt ganz zart die Qualität des Stoffes. Ich musste Lächeln, meine Mutter hatte Stoffe auch immer so in die Hand genommen, um zu fühlen, ob die Qualität stimmte. Das hatte er sich also abgeguckt.

Sein Blick ging dann über den ganzen Tisch und fiel auf die Rosen. Da hatte ich das Gefühl, ein Blitzen in seinen Augen zu sehen. Die Rosen in unserem Garten hatte er bis zum Schluss gepflegt. Jeden Tag in diesem Sommer 2013 bevor er ins Heim kam, hatte er die verblühten Blüten abgeschnitten und mit den restlichen Blüten freundlich geredet. Ob er seine Rosen wiedererkannte? Ich vermute es.

Nun stimmten wir noch ein Geburtstagslied an „Hoch soll er leben ….“. Therese, die gut singen konnte, trällerte wie ein Vogel am lautesten, sodass wir alle die Tonlage halten konnten. „Was ist denn hier los“, fragte Ida, „wird hier Geburtstag gefeiert? Wo kommen denn die ganzen Leute her? Da fehlen ja noch ein paar! Wo bringen wir die nur unter?“ Vroni hielt dagegen: „Was das wieder alles kostet? Darf ich noch einen Kuchen haben? Das ist ja so teuer!“ Und Therese wollte wissen, ob sie das hinterher wieder alles abspülen müsse. Munteres Geplauder hin und her, kreuz und quer. Und ich saß glücklich neben meinem Vater, glücklich, dass ich diesen Tag mit dieser kleinen Feier mit ihm begehen konnte, glücklich, dass er wieder mit so viel Appetit aß und genug trank. Aber auch glücklich, dass es für die anderen Gäste – wir waren immerhin 12 am Tisch – offensichtlich auch eine kleine Abwechslung war.

2 Gedanken zu „Der 80. Geburtstag

    1. Ich freue mich auch. Sah es ja doch anders aus. Aber von Woche zu Woche geht’s besser. Er ist zwar noch schwach, läuft aber wieder selbst. Nur sprechen tut er praktisch nicht. Wir müssen viel interpretieren.

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