Der Tag X

„Hallo mein Name ist Malu Schäfer und jetzt halten Sie mich bitte nicht für verrückt oder pietätlos, es ist noch niemand gestorben. Aber mein Vater war gerade sehr krank und ich dachte tatsächlich, er würde sterben. Nun überliege ich, schon mal ein Gespräch mit Ihnen zu führen, damit ich weiß, was auf mich zukommt.“ Kann man sich auf den Tag X vorbereiten? Gemeint ist hier der Todestag eines geliebten Angehörigen. Nein, ich rede nicht von den Gefühlen. Darauf kann man sich nicht vorbereiten. Auch wenn man es weiß, dass es in absehbarer Zeit soweit sein wird, ist es fürchterlich, wenn es passiert.

Mir war spätestens nach dem Aufenthalt meines Vaters letztes Jahr im Mai im Krankenhaus klar, dass ich jederzeit damit rechnen musste, dass der „berühmte“ Anruf aus dem Heim kommen würde. Ja ich dachte damals schon, das würde er nicht überleben. Aber er hat sich über Sommer so gut erholt, dass wir in netter Runde im Juli 2016 seinen 80. Geburtstag feiern konnte. Den hatte er also noch erlebt und es war eine schöne kleine Feier.

Nein, ich meine diesmal mit Vorbereitung die ganze Organisation. Es ist so viel zu organisieren und zu erledigen an das man gar nicht denkt. Ich hatte, da meine Eltern immer wieder länger im Ausland waren, frühzeitig mit Ihnen über Tod und Sterben und ihre Wünsche geredet. Ich hatte eine umfassende Patientenverfügung und Betreuungsvollmacht (sehr wichtig für die Angehörigen!). Wir hatten darüber geredet, wie sie sich eine Beerdigung vorstellen, ob Erd- oder Feuerbestattung, Friedwald oder was auch immer. Mir wurde aber letztes Jahr klar, dass das alleine nicht reichen würde und wenn der Tag X kommt, vieles sehr schnell gehen müsste. Und mir war klar, dass es Dinge gibt, an die ich und alle anderen Angehörigen nicht denken würden.

Ich fasste den Gedanken, schon mal vorsorglich mit einem Bestattungsunternehmen zu reden. Da hatte doch gerade eines eine Zweigstelle bei mir um die Ecke aufgemacht, da wollte ich mich informieren. Es dauerte Tage bis ich mich traute anzurufen: „Hallo mein Name ist Malu Schäfer und jetzt halten Sie mich bitte nicht für verrückt oder pietätlos, es ist noch niemand gestorben. Aber mein Vater war gerade sehr krank und ich dachte, er würde sterben. Nun überliege ich, schon mal ein Gespräch mit Ihnen zu führen, damit ich weiß, was auf mich zukommt. Ist das komisch.“ „Nein, gar nicht. Im Gegenteil, auch für uns ist das angenehmer, dann können wir in Ruhe mit Ihnen reden und beide Seiten haben keinen Zeitdruck“, sagte der freundliche Herr am anderen Ende der Leitung.

Wir verabredeten einen Termin etwa 2 Wochen später – es hatte ja keine Eile. Seine Mitarbeiterin kam also zu uns nach Hause und wir redeten fast 3 Stunden. Sie ging alle Fragen durch, die wichtig waren. Es war sehr gut, dieses Gespräch letzten Sommer geführt zu haben. Schon allein, weil ich danach wusste, welche Unterlagen ich bereithalten musste. Oder wisst Ihr, dass die Geburtsurkunde des Verstorbenen gar nicht so wichtig ist? Nein, die Heiratsurkunde ist viel wichtiger. Und was ich unbedingt brauchte, war die Sterbeurkunde meiner Mutter. Da sie vor neun Jahren in Spanien verstorben war, musste ich echt tieftauchen. Auch das Familienbuch meiner Eltern, in dem ich die Heiratsurkunde vermutete konnte ich nicht sofort finden.

Mein Vater hatte immer alle Unterlagen sorgfältig geordnet und vorbildlich strukturiert abgeheftet – Siemens Bauleiter, halt. Aber in der Zeit seiner Demenz hier zu Hause hatte er auch wieder vieles neu und oftmals sehr kreativ sortiert. Gott sei Dank fand ich auch ein Original der Sterbeurkunde meiner Mutter. Es wäre sehr aufwendig gewesen, nach so vielen Jahren erneut eine anzufordern. Zumindest hatte ich also diese wichtigen Dokumente griffbereit. Es war spannend was ich beim Suchen noch alles gefunden habe. Ich entdeckte meine Familie neu und es wurde mir klar, dass auch ich jetzt mit meinen Töchtern Tacheles reden musste.

Ich kann nur allen raten, sich selbst frühzeitig darüber klar zu werden, wie man seine Beerdigung wünscht. Es entlastet die Angehörigen ungemein. Ich war froh, dass ich an einigen Stellen sagen konnte: „Das hat mein Vater so gewollt.“ Als Angehörige empfehle ich auch, rechtzeitig mit einem Beerdigungsinstitut zu sprechen. Es gibt so unsagbar viele Möglichkeiten, eine Bestattung zu gestalten. Das alles zu hören, zu verarbeiten und zu entscheiden am Tag nach dem Tod meines Vaters, wäre mir eindeutig zu viel gewesen. Selbstverständlich haben wir das Institut beauftragt, mit dem wir das Gespräch führten. Es war eine sehr gute Entscheidung.

Ein Gedanke zu „Der Tag X

  1. Es ist sehr wichtig das vorher mit einem Bestatter oder auch nur einem Pflegestützpunkt zu besprechen. Sonst prasselt alles auf inmal auf einen ein und man fühlt sich hilflos.

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