Der Heimgang

2016-07-29 12.08.00-1Wer geht heim? Oder ist es ein Buch über den Tod? – Das sind die ersten Gedanken, die mir bei diesem Buchtitel durch den Kopf gingen. Es ist von allem ein wenig. Das Wortspiel funktioniert. Otto Streckeisen war knapp über 90 Jahre als er ins Altersheim gegangen ist. Freiwillig ging er dorthin, weil er im Alltag schwächer und kränklicher wurde. Er erkannte, dass er immer mehr auf fremde Hilfe angewiesen sein würde. Zu Hause war ein alter Kranker unter jungen Gesunden; im Heim ist er einer unter Vielen. Also nichts Besonderes, wie er selbst sagt. Durch Zufall kam er dazu, eine regelmäßige Kolumne für eine Zeitung zu schreiben.

Seine Schilderungen über den Alltag im Heim haben mich angerührt. Hatte ich doch auch die Vorstellung, wenn meine Eltern mal ins Heim kommen würden, dass sie vielleicht Pflege brauchen, aber fit im Kopf sind. Wie sehr hatte ich mir gewünscht, sie im Heim besuchen zu können, auf der Sonnenterrasse dort zu sitzen und über den Alltag plaudern und lachen zu können. Es kam anders, mein Vater ist schwer dement im Heim, sehr gut untergebracht, und die Gedanken von Otto Streckeisen entführten mich zu den Wunschvorstellungen, die ich früher hegte und denen ich immer wieder mal nachhänge.

Seine Erlebnisse finden sich aber auch im Alltag meines Vaters oder im Alltag auf seiner Demenzstation wieder. Otto Streckeisen überlegt zum Beispiel, ob er akzeptieren muss am Tisch mit Tischnachbarn zusammen zu sitzen, die er nicht mag, oder mit denen er nicht klarkommt. Auf der Demenzstation werden im Gemeinschaftszimmer die Mahlzeiten eingenommen. Eine feste Sitzordnung gibt es nicht. Alle setzen sich wie sie kommen, oder gerade wollen. Wenn mein Vater mal nicht neben jemanden sitzen möchte, zeigt er seine Ablehnung unmittelbar und deutlich. Manchmal wird es laut oder es werden Stühle gerückt oder gar weggetragen. Da gibt es keine Überlegungen, wie man dem anderen schonungsvoll beibringen kann, dass man nicht neben ihm sitzen möchte. Gefühle werden hier unmittelbar gezeigt, ohne Rücksicht auf die anderen.

Vor allem der Autonomieverlust bei Demenzkranken beunruhigt Otto Streckeisen und macht ihn immer wieder unsicher um Umgang ihnen. Es beschäftigt ihn, mit welcher Art der Kommunikation er sie noch erreichen könnte. Das ist die Perspektive eines Außenstehenden. Verständlich, da er vorher wohl noch nicht mit Demenzkranken in Berührung gekommen ist. Die Sache mit der Verständigung ist nicht einfach, man muss versuchen, sich in ihre Welt hinein zu versetzen. Denken, Fühlen und Handeln erlebe ich bei meinem Vater und bei den anderen Bewohnern im Heim als sehr unmittelbar, praktisch ohne Filter. Auch Demenzkranke untereinander verstehen nicht immer, was der andere will. Jedoch das deutliche Zeigen der Gefühle wird verstanden. Manchmal meine ich, da gibt es keinen Autonomieverlust. Deutlich gezeigte Gefühle sind doch ein Zeichen von gelebter Autonomie. Mein Vater sagte immer: „Was interessiert mich das schlechte Geschwätz von andern!“ Diese Haltung lebt er nun aus. Es interessiert ihn nur noch sein „Geschwätz“.

Streckeisens Kolumnen haben mich sehr bereichert mit einer Fülle neuer Perspektiven, die mcih anregten, noch einmal ganz anders über Demenz, meinen Vater und sein Leben im Heim nachzudenken.

Dieser Artikel ist zuerst erschienen im Wetterauer Senioren-Journal Ausgabe 3/2016, der Wetterauer Zeitung.

(„Heimgang – Gedanken über den Lebensabend“, Otto Streckeisen, Verlag rüffer&rub, ISBN: 978-3-907625-88-0)

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